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Michel Serres - Das eigentliche Übel
Geniale Dilettanten
Alain Badiou - Ist Politik denkbar?
Alain Badiou - Ist Politik denkbar?
Geniale Dilettanten
Thomas Kapielsi - Kleine Festordnung
Merve Mobil
Borries - Freiheit der Krokodile
Byung-Chul Han: Hyperkulturalität
Neue Bücher bei Merve im Frühjahr 2010

FRISCH ERSCHIENEN:


328. Alain Badiou
Ist Politik denkbar?

morale provisoire #1
168 Seiten 15,- Euro ISBN 978-3-88396-265-8
Herausgegeben und übersetzt von Frank Ruda und Jan Völker.
 
Descartes gibt das Beispiel der Reisenden, die in einem Wald die Orientierung verloren haben. Wollen sie nicht an der gleichen Stelle verharren oder aber orientierungslos umherirren, benötigen sie eine „morale par provision“, die ihre Schritte anleitet.  Eine „morale provisoire“ versucht entschlossen eine Richtung zu verfolgen, sie befragt das Denken auf orientierende Regeln für die Praxis. Sie richtet sich gegen Libertäre, Liberale, Sophisten und Sozialchauvinisten unserer Zeit und versucht, orientierende Interventionen für die Praxis und das Denken zu versammeln. Sie zielt auf einen neuen Mut des Denkens, der dem Unmöglichen, dem Unendlichen, dem Gleichen und dem Illegitimen sein Recht zuspricht.

„Ist Politik denkbar?“ ist ein philosophisches wie politisches Buch, aber kein Buch der politischen Philosophie. Es stellt die Frage wie sich angesichts realsozialistischer Verwaltung und stalinistischer Pervertierung der kommunistischen Idee der universale Anspruch einer wahrhaft emanzipatorischen, kollektiven Politik aufrechterhalten lässt? Damit richtet es sich gegen die der politischen Philosophie lieb gewordene These einer Krise des Politischen. Das Politische rekurriert aber allein auf die angemessene Repräsentation des Sozialen, weswegen seinen Theoretikern nichts teurer ist, als die Unterscheidung einer guten von einer schlechten Staatsform, der Demokratie vom Totalitarismus. Dem setzt Badiou einen Begriff der Politik unter dem Vorzeichen der Praxis entgegen. Ausgehend von dem Ereignis der polnischen Arbeiterbewegung versucht Badiou ein Denken der Politik zu entwerfen, dass mit diesem Ereignis zeitgenössisch zu sein vermag.

Dieses Denken der Politik nimmt die historische Spezifik des Ereignisses auf und versteht sie als Aufforderung zu einer Transformation der Philosophie. Ein Denken, dass diesen Anforderungen genügt, müsste von der Besonderheit politischer Praxisformen ausgehend eine neue Form der kommunistischen Hypothese entwerfen.

„Ist Politik denkbar“ stellt die zentralen Begriffe der Philosophie Alain Badious vor, die dann in Das Sein und das Ereignis entfaltet werden.

Alain Badiou (*1937), Philosoph und Romancier, lehrt an der École Normale Supérieure sowie am Collège International de Philosophie in Paris.
341. Henning Schmidgen
Die Helmholtz-Kurven Auf der Spur der verlorenen Zeit

272 Seiten 20,- Euro ISBN 978-3-88396-279-5
 
Dieses Buch rekonstruiert die Geschichte der „verlorenen Zeit“ mit Blick auf zwei der bedeutendsten Zeitforscher der Moderne: Hermann von Helmholtz und Marcel Proust. Ausgangspunkt ist die Entdeckung von zwei Kurven­bildern, die aus den wegweisenden Zeitexperimenten hervorgegangen sind, wel­che Helmholtz in den Jahren 1850/51 durchgeführt hat. Was diese Bilder zei­gen, nennt der damals in Königsberg tätige Physiologe wortwörtlich „temps perdu“. Ab 1870 macht Etienne-Jules Marey diesen Begriff und die dazugehörigen Kurvenbilder im französischen Sprachraum populär. Proust war mit diesem Kontext gut vertraut, nicht zuletzt aufgrund seiner Kontakte zum medizinisch-biologischen Milieu in Paris. Sein Vater, Achille-Adrien Proust, war Arzt und Epidemologe und kooperierte zeitweilig mit Marey. Die „Suche nach der verlorenen Zeit“ lässt sich insofern als eine Recherche im stren­gen Sinn, als Forschung verstehen.

Henning Schmidgen (*1965), wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Insti­tut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin.
342. Harald Fricke
Texte 1990–2007

Herausgegeben und mit Nachworten versehen von Bettina Allamoda, Jens Bal­zer, Detlef Kuhlbrodt und Cord Riechelmann
160 Seiten 14,- Euro ISBN 978-3-88396-280-1
 
Der vorliegende Band versammelt ausgewählte Texte von Harald Fricke, der uns als Autor sowie Kulturredakteur der taz (aber auch manchmal: Kurator, DJ und Musiker) über zwei Jahrzehnte mit genauen, unmittelbaren Beob­achtun­gen zu Kunst, Musik, Film, Pop, Architektur, Mode und deren Politiken versorgt hat.
»Jede Geschichte wird organisiert: Anfang, Verlauf und Ende. Ihr Ziel ist es, eine Form des Erzählens zu produzieren, in der möglichst vollständig Informatio­nen geordnet und wiedergegeben werden. Das Prinzip der Ökono­mie beherrscht die Darstellung. Ereignisse werden archiviert, selektiert und ver­waltet. Doch die Unterscheidung in Fakten, Symbole und Modelle führt zwang­släufig zu einer Staffelung von Zeichenebenen, die sich im Glücksfall durch­dringen können. Der Reiz liegt darin, die einzelnen Schichten zu durchwüh­len, ständig neue Archive zu bilden und Modelle mit Fakten für eine kurze Zeit der Unordnung zu mischen, gerade um die Ordnung beständig in der Praxis zu prüfen. Auch Könige werden ab und zu umgebettet oder Museen nach aktuellen Gesichtspunkten neu organisiert.«
Harald Fricke, Museum für Geschichte / Epilog
Friedrich von Borries
Die Freiheit der Krokodile

Illustrationen von Laleh Torabi
60 Seiten 12,- Euro ISBN 978-3-88396-274-0
 
Ein kleiner Junge ist auf der Suche nach Freiheit, nach sich selbst. Und davor hat er Angst. Vor allem die Krokodile unter dem Bett sind gefährlich, die er deshalb alle töten oder zumindest einsperren will. Aber kann er selbst so jemals frei werden?
In einer kurzen Fabel führt Friedrich von Borries ein 30 Jahre zurückliegendes Gute-Nacht-Gespräch mit seinem inzwischen verstorbenen Vater fort – und spricht damit seine eigenen Kinder an, die nun so alt sind wir er damals.
Illustriert wird dieses Zwiegespräch über die Krokodile, die Angst und die Freiheit von der deutsch-iranischen Künstlerin Laleh Torabi, deren Arbeiten bereits in dem ebenfalls bei Merve erschienenen Buch „Bessere Zukunft - Auf der Suche nach den Räumen von Morgen“ zu sehen waren. Text und Bild orientieren sich vordergründig an einem Kinderbuch; in den Gewaltfantasien und den akribisch dazu angelegten Zeichnungen scheinen jedoch die verdrängten Seiten dieses Genres wieder auf. Eine Parabel zur gemeinsamen Lektüre für Kinder und Erwachsene.

Friedrich von Borries ist Architekt und Professor für Designtheorie und kura­to­rische Praxis an der HfbK Hamburg. Laleh Torabi ist Grafikerin. Beide leben in Berlin.
323. Michel Serres
Das eigentliche Übel

95 Seiten 9,- Euro ISBN 978-3-88396-260-3
Aus dem Französischen von Elisa Barth und Alexandre Plank.
 
„Derjenige, der den Raum mit Plakaten verschmutzt, die Träger von Sätzen und Bildern sind, stiehlt dem Blick aller die umliegende Landschaft, tötet ihre Wahrnehmung, durchbohrt den Ort durch ebendiesen Diebstahl. Erst die Landschaft, dann die Welt. Er durchsetzt den Raum mit schwarzen Löchern, die die Empfindung einsaugen und die Wahrnehmungsfähigkeit zerstören. Mit welchem Recht? Er benimmt sich wie ein universaler Hausbesetzer. Auf dieselbe Weise, ebenso gebieterisch, erweist sich ein Geldstück als leichter sichtbar, lesbar und entzifferbar als das Objekt, das es kauft. Es versiegelt den Blick darauf, es tötet dieses Objekt. Das Symbol annulliert die Sache. Die Welt wird von den Zeichen ausgedrückt und ausgelöscht.“

Michel Serres schreibt über die dem Menschen inhärente Strategie, abgeleitet aus der Verwandtschaft mit den Tieren, sich etwas anzueignen, indem man es beschmutzt. Dieses Konzept differenziert er in „Das eigentliche Übel“ unter zwei Arten der Verschmutzung aus: die harte Verschmutzung, zu der bspw. Emissionen aus Industrieanlagen oder Autoabgase zählen, und die weiche Verschmutzung, unter die er Werbung, Krach aber auch Graffiti rechnet. Hausbesetzer, Marken, Sperma, Tags sind Beispiele, auf die er dabei zurückgreift.

Michel Serres (*1930), ist Professor an der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne sowie in Stanford, seit 1990 zudem Mitglied der Académie française.
325. François Jullien
Das Universelle, das Einförmige, das Gemeinsame und der Dialog zwischen den Kulturen

ca. 220 Seiten 20,- Euro ISBN 978-3-88396-262-7
Aus dem Französischen von Ronald Voullié.
 
„Wie kann man vom Prinzip der strikten Allgemeingültigkeit übergangslos zum bloßen Postulat der angestrebten Allgemeinverbindlichkeit übergehen? - fragt Jullien. Theorie und Praxis, wird man antworten. Im Spielraum dieser logischen Wackelstelle findet heute die Debatte über Kulturverständigung statt. Julliens Versuch einer Begriffsklärung im Dreieck zwischen logischer Universalität, wirtschaftlicher Uniformität und politisch ausgehandelter Gemeinschaft ist ein nützlicher Beitrag dazu. Das Gemeinsame ist dabei nicht bloß als ein minderwertiges Allgemeines zu verstehen. Es ist eine eigene Größe. Von einer kategorisch gesetzten Allgemeingültigkeit habe die Menschenrechtsdebatte den Akzent - so Julliens These - in Richtung einer konkret angestrebten Gemeinschaft verschoben: Wo das Universelle stockt, macht der Gemeinschaftssinn weiter.“ Joseph Hanimann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.04.2008.

François Jullien (*1951), Philosoph und Sinologe, leitet an der Université Paris-Diderot das Institut de la pensée contemporaine.
333. Kapielski
Zeitbehälter
Kleine Festordnung

152 Seiten 14,- Euro ISBN 978-3-88396-270-2
 
»Caerimonia. Zeitbehälter, Zeitgefäße und –fässer. Wer die Ordnung der Zeit vernachlässigt, fällt aus der Zeit mit Rumps! und Bumms! Vertändeltes Leben, verschlafener Tag, versäumte Weltengunst. Das All und Eine, die Sonnen, Planeten und ihre Beisassen, die Pflanzen und Tiere, hüten sich, solches zu tun. Alles atmet und rollt um mit Maß. Maß und Ordnung (ordo) bestellen die Weltordnung (kósmos). Gesetze, Zeit- und Festordnungen müssen Leidenschaften und menschliche Haltlosigkeiten bezwingen, da diese die Völker leicht in die Barbarei zurückwerfen und den Staaten erlauben, leichtsinnig auf Krieg zu grübeln. Satzung nötigt und kann lästig sein, doch der Krieg ist viel herber. Denn: „Silent leges inter arma.“ – Im Krieg schweigen die Gesetze. […] Der Ordnung aber leisten die wildesten Gewalten Gehorsam. „Ordnung rejiert de Welt und Knüppel de Leutchen!“ (Berliner Redensart, um 1900) Auch gilt es die launische Zeit selbst zu zügeln: Zwar macht sie aus einem Gerstenkorn ein Fass Bier und sinnt auf Wachstum und Gedeihen; doch Zufall und Zeit sind obendrein die größten Tyrannen der Erde, wie Herder und auch wir befinden; auch darum ersann sich der Mensch die Ordnung und das Maß der Zeit und ersehnt die Deutung und Hegung des Zufalls.« Kapielski

Thomas Kapielski, (*1951 in Berlin-Charlottenburg), Studium der Philologie, Physischen Geographie, Philosophie. Schriftsteller, Künstler, Musiker, Dozent, lebt in Berlin.
(www.kapielski.de)
334. TIQQUN
Grundbausteine einer Theorie des Jungen-Mädchens
180 Seiten 13 Euro ISBN 978-3-88396-271-9
Aus dem Französischen vom philologischen Arm der deutschen Sektion der PI (Parti Imaginaire).
 
Das Mädchen (la Jeune-Fille) ist die Gestalt, die Ewig-Weibliches und ewige Jugend in sich vereint. Seinen Ursprung hat es im Bankrott des von der totalen Kommerzialisierung überrannten Feminismus. Einzig fähig zu konsumieren (sowohl in der Freizeit wie bei der Arbeit), ist das Mädchen zugleich das luxuriöseste Konsumgut, das gegenwärtig in Umlauf ist: die Leit-Ware, die dazu dient, alle anderen zu verkaufen. Mit dem Mädchen wird Wirklichkeit, was sich nur die überdrehtesten Krämerseelen erträumten: die autonome Ware, die spricht und geht, die lebende Sache.
Doch woran erkennt man es? Zunächst daran, dass es ist, was es zu sein scheint, sonst nichts. Zum zweiten hat alles, was das Mädchen tut, etwas Professionelles an sich, da es seine gesamte Existenz als eine Frage des Managements betrachtet. Als Eigentümerin ihres Körpers, verkauft das Mädchen (»Sternchen«, Model, Reklame, Bild) seine »Verführungskraft« wie man einst seine »Arbeitskraft« verkaufte. Selbst seine Liebschaften sind Arbeit, und wie jede Arbeit prekär... Schließlich altert das Mädchen nicht, es verwest.

„Julien Coupat und seine Freunde können nicht die Autoren der in TIQQUN veröffentlichten Texte sein, weil diese in einer Zone angesiedelt sind, in der es unmöglich ist, zwischen Subjekt und Dispositiv zu unterscheiden, d.h. in der der Begriff des Autors jegliche Bedeutung verloren hat.“ Giorgio Agamben.
(www.bloom0101.org)

 

NEU IM FRÜHJAHR 2010:

338. Brian O'Doherty
Atelier und Galerie
Studio and Cube

Aus dem Amerikanischen von Dirk Setton
In Kooperation mit dem August Verlag (www.augustverlag.de)
ca. 100 Seiten ca. 12 Euro ISBN 978-3-88396-276-4
 
Welches Verhältnis besteht zwischen Künstler, Kunstwerk und dem Raum, in dem es entsteht? Was passiert, wenn das Atelier zum Ausstellungsraum, was, wenn es selbst zum Kunstwerk wird? Und wie lässt sich das Atelier inner­halb des „White Cube“ als „Medium der Transformation“ verorten?
Diesen und ähnlichen Fragen geht Brian O`Doherty in seinem neuen Essay nach. Mit „Studio and Cube“ legt er die lang erwartete Folgestudie zu dem 1999 erschienenen Essayband „Inside the White Cube“ vor. Dabei knüpft er an seine Überlegungen zum „White Cube“ an und verlagert den Focus hin zum Künstleratelier. O`Doherty untersucht die Entwicklung des Verhältnisses von Künstler, Kunstwerk und Atelier durch die verschiedenen Epochen und Gattun­gen hindurch, von Vermeer, Courbet und Delacroix, hin zu Rothko, Bacon und Warhol. Er liest die Ateliers als Texte und belegt, dass sie genauso aufschlussreich sind wie die Kunstwerke selbst. Weit von reiner Werk­ästhetik entfernt, verbindet O`Dohertys Essay Kunstinterpretation mit einer Philosophie des Raumes.

Brian O'Doherty (*1934), amerikanischer Künstler und Kunstkritiker irischer Herkunft. »Die Galerie ‚zitiert‘ das in ihr enthaltene Atelier. Im leeren Atelier sucht man nach dem Künstler. In der Galerie ist der Künstler, wenn er anwesend ist, ein eher peinlicher Teil des beweglichen Mobiliars, der sein eigenes Produkt heim­sucht. Tatsächlich besteht eine der primären Aufgaben der Galerie darin, den Künstler vom Werk zu trennen und letzteres für den Handel bereitzu­stellen. Diese beiden geschlossenen Räume stehen emblematisch für den abwesenden Künstler, der, nachdem er ihnen seine besonderen Fähig­keiten übergeben hat, abseits sitzt wie James Joyces Künstler und sich die Fingernägel feilt – oder vielleicht auf ihnen herumkaut.«
337. Mehdi Belhaj Kacem
Inästhetik und Mimesis

Aus dem Französischen von Ronald Voullié
ca. 160 Seiten ca. 15 Euro ISBN 978-3-88396-275-5
 
Der Grund ist klar: die Philosophie entsteht durch die Verwerfung der künstleri­schen Mimesis. Legt Alain Badiou mit seinem Vorschlag, die platoni­sche Geste für unsere Zeit zu wiederholen, nahe, auch diese Verwerfung zu wie­derholen? Was also bedeutet der Begriff „Inästhetik“, mit dem er sein SYSTEM an die Kunst seiner Zeit heftet und dessen anti-mimetische Hintergrund­bedeutung klar ist?
Überraschung: wenn man studiert, was „Inästhetik“ bedeuten soll, bemerkt man, dass dieses SYSTEM vielleicht sogar vollständig, eine geistreiche Mimesis der ihm äußerlichen Bedingungen ist: Wissenschaft, Politik, Liebe und wohlgemerkt Kunst in Bezug auf ein Gedicht Mallarmés oder eine Partitur von Schönberg. Das Ursprungsschema einer von der Kunst separierten Vorbes­timmung, die im Grunde die von Badiou ist, wurde von Aristoteles entwor­fen: die Ästhetik selbst, das heißt die Poetik. Andererseits legen wir Wert auf den Umstand, dass die „zeitgenössische Kunst“, die die Überschreitungen der Avantgardisten des 20. Jahrhunderts bindet, indem sie das Werk und das SUBJEKT abschafft, um „direkt“ die Gemeinschafts-Verbindung zu pro­duzieren, genau genommen ein sich selbst ver­kennender Plato­nis­mus ist. Pla­ton erfindet die Philosophie, in­dem er entge­gen der von Aris­to­teles restau­rierten Trennung da­ran fes­thält, dass es die Poli­tik ist, die die Kunst abschafft, in­dem sie sie bewahrt. Wir wer­den die Mat­rix der hegelschen Dialektik selbst wiedererkennen.
Um diese komplexe Auseinan­der­set­zung zu organisie­ren, rufen wir den in diesen Fragen bestge­schultes­ten Denker un­se­­­rer Zeit in den Zeugenstand:
Philippe Lacoue-Labarthe. Dieser zeigt durch eine geniale Lektüre Rous­seaus, dass die hegelsche Aufhebung nichts anderes als eine Über­setzung der aristotelischen Katharsis ist. Es ist die Philosophie, die der Kunst stets ihre Funktionen klarmacht, um sich ihrer politischen Verwirklichung zu öff­nen. Politische Verwirklichung, die schon immer auf sich warten lässt, präsen­tiert der Kunst die Spesenrechnung. Nunmehr ist es die Kunst – was die Philo­sophie fast nie sieht – ihrerseits und heute mehr denn je, die das Politi­sche abschafft, indem sie es bewahrt.

Mehdi Belhaj Kacem (*1973), Philosoph, Schriftsteller und Schauspieler.
339. Markus Miessen
Albtraum Partizipation

ca. 120 Seiten ca. 11 Euro ISBN 978-3-88396-277-1
 
Mit einem einleitenden Interview von Hans Ulrich Obrist, einem Vorwort von Eyal Weizman und einem Gespräch zwi­schen Chantal Mouffe und Markus Miessen.
Seit etwa zehn Jahren kann man einen stetig steigenden übermäßigen Gebrauch des Begriffs „Partizipation“ beobachten. In dem Maße, in dem sich jeder zu einem „Teilnehmer“, einem „Partizipanten“ wandelte, nahm die meist unkritische, naive und romantische Verwendung des Begriffs strecken­weise beängstigende Ausmaße an. Versehen mit einem oft nostalgischen Flair von Schutzwürdigkeit, Scheinsolidarität und politischer Korrektheit, hat sich die „Partizipation“ insbesondere in der Politik zur Standardausrede ent­wickelt, wenn es darum ging, sich aus der Verantwortung zu ziehen. Der hier vor­gelegte dritte Teil einer „Trilogie der Partizipation“ versucht die Rolle des „inter­esselosen Außenseiters“, eines „ungefragten Teilnehmers“ stark zu machen, der, unbehindert von bestehenden Regelvorgaben, einzig mit sei­nem kreativen Intellekt und dem Willen zur Veränderung ausgerüstet auf den Plan tritt.

Markus Miessen (*1978), Architekt, Berater und Autor. Derzeit Gast-Profes­sor am Rotterdamer Berlage Institute und Direktor der Winter School Middle East. (www.studiomiessen.com)
340. Walter Seitter
Poetik lesen 1

ca. 170 Seiten ca. 16 Euro ISBN 978-3-88396-278-8
 
Die Poetik ist eine sehr kleine und relativ leicht lesbare, vielleicht die am meis­ten gelesene, auch diskutierte und verwendete Schrift aus dem Vorlesungs­betrieb des Aristoteles (384-322). Sie sticht auch durch ihre themati­sche Ausrichtung hervor: die Dichtung – ist sie nicht etwas Schönes? Die­ser Sachverhalt mag hinreichen, um sie wieder und wieder zu lesen. Wieso aber das Lesen auch publizieren? Können wirklich neue Aspekte der Lite­raturtheorie gewonnen werden oder gar neue Erkenntnisse über die griechi­sche Tragödie?
Das wohl eher nicht. Die Ebene des Textes, die hier dem lesenden Auge erschlossen werden kann, betrifft die Aussagen des Aristoteles, genauer gesagt die Prädikate, die er seinen Gegenständen, der Dichtung als Tätig­keit, den Dichtwerken namens Tragödie und Epos, zuspricht. Die Frage ist dabei weniger, ob seine philosophische Traktierung den antiken Kunst­tätig­kei­ten gerecht wird. Sondern was sie selber in die Welt setzt: wel­che Begriffe sie anwendet und welche sie unterschlägt, welche Wörter sie zu Haupt­begriffen aufbaut oder gar welches theoretische Drama sie inszeniert.
Wie aber lässt sich aus so einem Text etwas herauslesen, was nicht schon längst und oftmals gesagt worden ist? Wohl nur, indem man sich das Lesen schwer macht, indem man den Text wortwörtlich und möglichst langsam noch einmal liest, indem man die Zeit des Lesens weit auseinanderzieht. Indes­sen will die Lektüre nicht eigentlich eine philologische, auch nicht eine philo­sophiegeschichtliche sein: sondern mit dem Auseinanderziehen der Zeit soll eine Zeit des Philosophierens gewonnen werden. Ein Miteinander-Philoso­phieren zwischen entfernten und nahen Philosophierenden.

Walter Seitter (*1941), Philosoph und Kunsthistoriker.
343. Arsen bis Zucker
Flaubert-Wörterbuch
Hgg.: Barbara Vinken, Cornelia Wild

ca. 270 Seiten ca. 24 Euro ISBN 978-3-88396-281-8
 
Dieses Wörterbuch erklärt nicht die Begriffe Flauberts, sondern bringt sie ins Bild. Dabei kommt es auf die süße Verführung des Buchstabens ebenso an wie auf seine Vergiftungen. Was sichtbar wird, ist ein anderer Flaubert – einer, der sich den starren Kategorien der Forschung widersetzt. Flaubert war immer schon gegen eine klassifizierende, typisierende Sprache. Jacques Derrida hat deshalb von Flauberts „verbosité“ gesprochen: Flauberts Behar­ren darauf, dass Konzepte nichts als Worte sind. Es geht darum, diesen Flau­bert zu zeigen: in der Arbeit und in der Liebe zu den Dingen und der Spra­che. Das Wörterbuch ist Flauberts arkane Poetologie.
Mit Beiträgen von Avital Ronell, Shoshana Felman, Ulrike Sprenger, Martin von Koppenfels, Rainer Warning, Maurice Samuels, Friedrich Kittler, Michel Fried, Thomas Meinecke, Marlene Streeruwitz u.a.

Barbara Vinken (*1960), Professorin für Allgemeine und Französische Literatur­wissenschaft an der Universität München. Cornelia Wild (*1973), Wissen­schaftliche Assistentin am Institut für Romanische Philologie der Univer­sität München.
344. Nina Power
Die eindimensionale Frau

ca. 80 Seiten ca. 8 Euro ISBN 978-3-88396-282-5
 
Sag mir, wohin all die interessanten Frauen verschwunden sind. Wenn man den zeitgenössischen Darstellungsformen des Weiblichen Glauben schen­ken wollte, könnte man meinen, dass die aktuellen Errungenschaften einer Frau im Besitz teurer Handtaschen, eines Vibrators, eines Jobs, eines Apartments und eines Mannes kulminieren. Natürlich muss keiner die Fernseh­magazine, die Zeitschriften und die Werbung ernst nehmen, und viele tun das auch nicht. Aber wie ist es soweit gekommen? Haben sich die Anlie­gen der Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts in Form von Shopping-Paradie­sen, die von ‚frechen‘, selbstverliebten, schamrasierten Playboy-Häschen-Klonen bevölkert werden, erfüllt? Dass der Höhepunkt angeblicher weib­licher Emanzipation auf derart perfekte Weise mit dem Konsumismus zusam­menfällt, stellt unserer politisch so desolaten Zeit ein miserables Zeug­nis aus. Ein großer Teil des zeitgenössischen Feminismus, besonders in sei­ner ameri­kanischen Ausprägung, scheint über diesen Zusammenhang nicht mal beson­ders beunruhigt zu sein.
Dieses schmale Buch ist zu einem guten Teil ein Angriff auf den offensichtli­chen Verzicht auf jegliches systematisches politisches Denken seitens der zeitge­nössischen bejahenden, optimistischen Feministinnen. Es macht einige Vor­schläge, wie die Veränderungen in der Arbeitswelt, der Sexualität und der Kultur anders gedacht werden können. Auch wenn diese Vorschläge im gegen­wärtigen ideologischen Klima etwas weit hergeholt scheinen, so kön­nen sie doch wichtige Grundlagen für einen zukünfti­gen Feminismus liefern.

Nina Power, Dozentin für Philosophie an der Roehampton University in Lon­don. Sie schreibt einen Blog mit dem Titel Infinite Thought (www.cinestatic.com/infinitethought/).

BEREITS ANGEKÜNDIGT:

330. Marcus Steinweg
Aporien der Liebe

ca. 120 Seiten ca. 11,- Euro ISBN 978-3-88396-267-2
 
Aporien sind Ausweglosigkeiten. Die aporetische Situation macht ratlos. Sie führt das Subjekt an eine Grenze, die es nicht passieren kann. Entgegen der Vorstellung, dass mit der Aporie die Liebe zu ihrem Ende kommt, will dieses Buch zeigen, dass die Aporie der Liebeserfahrung zwingend angehört. Die Aporien der Liebe erweisen sich als Bedingungen ihrer Möglichkeit, solange Liebe heißt, der Versuchung zur narzisstischen Selbsteinmauerung zu widerstehen.

Marcus Steinweg (*1971), Philosoph, lebt und arbeitet in Berlin. (artnews.org/marcussteinweg) Aktuell hält er im Rahmen von Thomas Hirschhorns Kunstwerk „The Bijlmer Spinoza-Festival“ (vom 2. Mai – 28. Juni 2009 in Amsterdam) 50 Vorträge zu Kunst und Philosophie. (www.thebijlmerspinozafestival.nl
331. Paul Virilio
Cyberwelt
Politik des Fatalen

Ein Gespräch mit Philippe Petit
ca. 104 Seiten ca. 10,- Euro ISBN 978-3-88396-268-9
Aus dem Französischen von Alexandre Plank und Elisa Barth.
 
Der Gesprächsband von Paul Virilio und Philippe Petit ist nicht nur ein Verweilen bei den wichtigen Ideen und Publikationen des französischen Architekten, Urbanisten und Theoretikers Paul Virilio, sondern offenbart auch biographische Schnittstellen zwischen seinem Leben und seinen Arbeiten, zwischen seinen Erfahrungen und seinen Warnungen. Petit und Virilio sprechen über Urbanistik, Echtzeitmedien, Finanzkrisen, Biopolitik und Macht. So stellt sich Virilio dem Vorwurf, ein Pessimist zu sein und beharrt dagegen auf der Notwendigkeit, die unterbelichtete Seite der technischen Errungenschaften, die einseitig als Fortschritt gefeiert werden, in den Fokus unserer Überlegungen zu rücken.

Dabei stand die Einlösung einiger Prognosen, die der Seismograph Virilio gibt, Mitte der 90er Jahre überhaupt erst noch aus – sei es in Hinsicht auf die Finanzkrise oder die Aufstände in den französischen Vororten – bzw. harren wir ihrer noch ungeduldig, wie bspw. das Ende des Fernsehens, das er schlüssig nahelegt.

Paul Virilio (*1932 in Paris), Philosoph und Dromologe.
Philippe Petit, Journalist und Autor.
332. Stefan Heidenreich
Über Universität

ca. 72 Seiten ca. 7,- Euro ISBN 978-3-88396-269-6
 
Weit entfernt von der Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden, der Universitas Magistrorum et Scholarium, als die sie einst gegründet wurde, widmet sich die Universität von heute zusehends der Massenproduktion effizienter Idioten. Als Ort des Denkens und als Institution der Wissenschaft steht sie in Frage, seit ein neues Wissen im Netz lebendig wird. Mehr als alle anderen Fächer sind die Geisteswissenschaften betroffen. Seit um 1800 Theologen umgeschult wurden, um den neuen Bürgerstaaten als Lehrer und Beamte zu dienen, kranken sie an einer theologischen Sperre. Denn die Bibel musste nie geschrieben, sondern nur gelesen werden. Seither lernen Akademiker nicht schreiben und machen, sondern bloß lesen, hören oder sehen. Die Beschränkung auf Rezeption, Interpretation und Historisierung und die Trennung von Praxis und Theorie wirkt angesichts einer Kultur der Partizipation im Netz zusehends überholt. Andere Disziplinen haben längst das Potenzial der Kultur entdeckt, so Teile der Ökonomie und der Informatik oder auch die Kunst. Die Geisteswissenschaften können bestehen, wenn es ihnen gelingt, sich den Herausforderungen unserer Zeit zu stellen. Das verlangt Dreierlei: – Wissen auf mögliches Handeln auszurichten. – Kultur als wirtschaftliches Feld ernst zu nehmen, wie kritisch auch immer. – Sich im Netz zu verorten und dort neue Formen des Lehrens und Wissens zu erfinden.

Stefan Heidenreich (*1965 in Biberach a. d. Riss), lebt als Autor, Kunstkritiker, Kultur- und Medienwissenschaftler in Berlin.
(www.stefanheidenreich.de)
335. Günther Rösch
Philosophie und Selbstbeschreibung
Kojève, Heidegger
ca. 136 Seiten ca. 12,- Euro ISBN 978-3-88396-272-6
 
Alexandre Kojève sagt über die Philosophie von Hegel, diese führe in letzter Konsequenz zu einem „Ende der Geschichte“, an dem die „Figur des Weisen“ erscheint. Martin Heidegger sagt über das Denken von Nietzsche, dass es das „Ende der Metaphysik“ erreicht und verlegt die Beantwortung der Frage nach dem Sein in einen Bereich, den man „Poetik des Seins“ nennen kann.

Beide wegweisenden Interpretationen führen zu einem metaphorischen Haltepunkt – jeweils ist die Rede von einem „Ende“ – über den die Logik der Argumentation hinauszeigt: die Figur des Weisen und die Poetik des Seins gehen aus der Immanenz der Philosophie als neue Denkmöglichkeiten hervor. Der Weise ist das wandelnde Paradox der Philosophie, die dichterische Sprache ist die von ihr beneidete Konkurrenz. Die Situation der Geschlossenheit zwingt zu einem Abtasten der Grenzen. Was sagt die Philosophie über ihre (unsere) Situation?

Günther Rösch (*1960) lebt in Berlin. Er ist Herausgeber der deutschsprachigen Ausgabe von „Tausend Plateaus“ (G. Deleuze / F. Guattari), sowie der 5 „Hermes“-Bände von Michel Serres.
336. Gloria Meynen
Die andere Seite des Mondes
ca. 120 Seiten ca. 11,- Euro ISBN 978-3-88396-273-3
 
1969 ist das Jahr, das zu spät kommt, aber auch das Jahr eines geweiteten Augenblicks: Am Weihnachtsabend 1968 zielt der Astronaut Bill Anders mit der Kamera auf den Heimatplaneten und schießt so fast aus der Hüfte das erste Foto vom Blauen Planeten. Anders’ Foto zeigt die Welt aus der Perspektive von Ausserirdischen, eine Welt, die sich selbst fremd geworden ist. Seit Jahrhunderten ist die Erde endlos, auf den Karten der Geographen fehlt ihr der Horizont. In den Fotoalben der NASA aber ist die Welt umgrenzt, eine Insel, die königsblau in den schwarzen Weiten des Weltraums schwimmt. Die Ökologie findet daraufhin die Grenzen der Welt in der Umwelt, sie favorisiert einen Mondblick, der die Welt in der Welt mit den Augen von Ausserirdischen sieht. In ihren Computeranalysen ist Überleben zu einer Frage der Systemgrenzen geworden. In Woodstock proben Unzählige, auf engstem Raum 3 Tage und 3 Nächte auszuharren. Intel setzt auf Moores Gesetz. Und die Sesamstrasse baut 1969 eine Welt, die in eine einzige Strasse passt, sie erfindet Oscar, den Griesgram, der wie die Astronauten der NASA in den engen Grenzen einer Tonne leben muss.

Von Facebook bis zu Google Earth ist der fremde Selbstblick zu einem technischen Merkmal unserer Innenwelt geworden. Der Mond ist längst auf der Erde heimisch geworden. Zwischen Woodstock und Apollo 11 sucht das Buch die Meteoriten eines irdischen Mondblicks.

Gloria Meynen (*1969 in Köln am Rhein) ist Medien- und Kulturwissenschaftlerin, arbeitet an der Universität Basel (www.eikones.ch) und lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste und der ETH Zürich.
318. Maurice Blanchot
Attention_Wachsamkeit

Maurice Blanchots Briefe an Johannes Hübner
ca. 128 Seiten ca. 10,- Euro ISBN 978-3-88396-252-8
Herausgegeben von Karl-Heinz Barck und Andreas Hiepko
 
„[…] als ob wir jetzt die Pflicht hätten, nur aus Müdigkeit zu sprechen, und zwar aus einer unendlichen Müdigkeit, fern jeder Begeisterung, die uns die Abwesenheit der Götter zu Recht verbietet. Aber Gottes Fehl hilft.“

Aus einem Brief, den Maurice Blanchot am 18. Dezember 1963 an seinen Berliner Übersetzer Johannes Hübner schrieb. Johannes Hübner (1921-1977) war Übersetzer von René Char, Paul Eluard und Blanchot, Dichter und Mitarbeiter des Jahrbuchs für Dichtung Speichen (1968-1973). Der Band umfasst sämtliche Briefe aus dem Nachlass von Johannes Hübner, die Blanchot in den Jahren 1960-1973 an Hübner schrieb.
326. Cord Riechelmann
Ein Gerücht namens Darwin.

ca. 120 Seiten ca. 10,- Euro ISBN 978-3-88396-263-4
 
Darwinisten wie Anti-Darwinisten, gleich ob es sich um Biologen oder Geisteswissenschaftler handelt, eint in sehr vielen Fällen eins: Sie wissen nicht, was in den Texten Darwins tatsächlich steht. Dafür kennen sie alle die vermeintlich entscheidende Parole: Im Kampf ums Dasein überleben nur die Tüchtigsten. Charles Darwin ist neben Nietzsche und Marx, den anderen beiden Diskursgründern des 19. Jahrhunderts, die in herausragender Weise auf die Gewalttätigkeiten des 20. Jahrhunderts vorbereiten, auf zwei, drei Binsenweisheiten heruntergekommen, die buchstäblich die Spatzen von den Dächern pfeifen.

Dabei kann es nicht schaden, mal einen Blick auf das zu werfen, was die Spatzen wirklich pfeifen bzw. singen. Denn Darwin ist nicht über die Tatsache, dass Tiere einander auch gegenseitig auffressen auf die Idee von der Veränderbarkeit der Arten gestoßen worden, sondern über den Gesang der Galapagosspottdrosseln. Der Band vereint disparate Texte, die auf den Galapagosinseln nach den Spuren Darwins, der Spottdrosseln und einer Kolonie deutscher Nietzscheaner, die dort das Paradies finden wollten, suchen; am Baikalsee nach kropotkinschen Symbiosen fahnden; Kant, Darwin und Nietzsche in Sils Maria spazieren gehen lassen und nach dem Konzept der Wiederholung bei Darwin, Gilles Deleuze und Richard Dawkins fragen. Regenwürmer, die Pflanzen in Darwins Garten und der kleine Hans, der die Pferde sortiert, kommen auch vor.

Cord Riechelmann, (*1960), Biologe, Philosoph und Autor, schreibt unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, den Merkur, die tageszeitung und die ZEIT.
324. Michel Chion
Die Kunst fixierter Töne – oder die Musik konkret

ca. 144 Seiten ca. 12,- Euro ISBN 978-3-88396-261-0
Aus dem Französischen von Ronald Voullié.
 
Michel Chion schlägt zunächst vor, sich in aller Ruhe It never entered my mind von Miles Davies anzuhören und sich dann Gedanken über die Tonlängen auf heutigen Tonträgern zu machen. Dabei geht es weder um so genannte „Live-Aufnahmen“ noch um die täuschend echte Neueinspielung klassischer Musik. Was ist der eigentliche Grund­stoff der Musik? Was hat es mit der Technologie der elektronischen Musik auf sich? Gibt es ein Kino für das Ohr? Chions konkrete Musik bringt einem vieles in den Kopf, auf das man zuvor noch nicht gekommen ist.

Michel Chion (*1947) – Komponist, Regisseur, Essayist und Kritiker – arbeitete lange mit Pierre Schaeffer am Conservatoire national de musique und mit Robert Cahen zusammen. Er publizierte bis heute mehr als 30 Bücher zur Musik und zum Film (jüngst zu Tarkowski), seine Kompositionen erschienen bei INA-GRM, Metamkine und zuletzt bei Sub Rosa. Er lehrt unter anderem an der École Supérieure Libre d'Études Cinématographique in Paris und der École Cantonale d'Art de Lausanne.
Martin Carlé / Joulia Strauss
Cat-Notation

ca. 168 Seiten ca. 24,- Euro Zahlreiche Farbabb. ISBN 978-3-88396-258-0
 
Proömion ^---^ proo×mion
„Dieses Buch übernimmt die Struktur der ersten delphischen Hymne an Apollon, in der das Wunder der Modulation die Zusammenfügung bewusst archaisierender Ansatzpunkte mit zukunftsorientierten kulturpolitischen Standpunkten ermöglicht. Wie der Grieche Athenaios die Götter herbeiruft und im Moment ihres Erscheinens die Tonart wechselt, rechnen wir im Augenblick des gemeinsamen Vorgehens von Kunst und Wissenschaft mit einer kathartischen Unterbrechung der depressiven Reflexe unserer Event-Kultur. Wie die reigenführende Leier in des Eingangs Zögerungen das Tieropfer vorbereitet, das die kulturelle Trennung von physis und techné rituell aufhebt, kündet die Entwicklung mathematischer Operationstiere zu synthetischen Skulpturen von der Anwesenheit einer Kunst, die die Berührung des Schönen mit der Zeitlichkeit von Simulationstechnologien jenseits der modernen Repräsentations- und Reproduktionsproblematik versöhnt.“

Martin Carlé, (*1971), Medientheoretiker, Musikwissenschaftler und Philosoph. Er veröffentlichte unter anderem Signalmusik MKII (Berlin 2006) und zuletzt Parasemantics and Enharmony: Coding and Decoding in the Ancient Greek Sonosphere, in: Mathematics and Computation in Music (Berlin 2008).

Joulia Strauss (*1974), Künstlerin. Studierte an der St. Petersburger Neuen Akademie der Schönen Künste bei Timur Novikow und an der Berliner Hochschule der Künste bei Georg Baselitz. Ausstellungen unter anderem im Martin-Gropius-Bau, Berlin, Deutsche Guggenheim Berlin, Pergamon Museum Berlin, Tirana Biennale, Kunstverein Wolfsburg, Moskau-Biennale, Hamburger Kunstverein, und in der Tate Modern, London.
321. Ulf Poschardt
Geschmacksbürgertum

ca. 120 Seiten ca. 10,- Euro ISBN 978-3-88396-257-3
 
Die Zeit des Bildungsbürgers geht zu Ende. Bildung wird durch Geschmack ersetzt. Dabei kommt Geschmack ohne die Bildung der Nerven nicht aus – und ist doch ein Element einer zeitgenössischen Vernunftkritik, die den Sinnen vertraut wo der Verstand unzurechnungsfähig erscheint. Der Ratlosigkeit der Welt gegenüber erwuchs die Sicherheit im Geschmacksurteil, auch wenn es jeden Tag anders lautete. Nietzsches Gedanke der radikalen Individualisierung durch Geschmack legt eine Spur in die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts.

„Vieles nicht sehn, nicht hören, nicht an sich herankommen lassen – erste Klugheit, erster Beweis dafür, daß man kein Zufall, sondern eine Necessität ist. Das gangbare Wort für diesen Selbstvertheidigungs-Instinkt ist Geschmack. Sein Imperativ befiehlt nicht nur Nein zu sagen, wo das Ja eine „Selbstlosigkeit“ sein würde, sondern auch so wenig als möglich Nein zu sagen. Sich trennen, sich abscheiden von dem, wo immer und immer wieder das Nein nöthig werden würde.“ [Friedrich Nietzsche, Ecce Homo. Wie man wird, was man ist, Leipzig o.J. (1908)]

Ulf Poschardt, Journalist und Autor, zuletzt Chefredakteur der deutschen Vanity Fair, ist stellvertretender Chefredakteur der Welt am Sonntag.
319. Thomas Hirschhorn, Marcus Steinweg
MAPS

ca. 40 Seiten + 10 auffaltbare Karten Format 17x24cm ca. 25,- EUR
ISBN 978-3-88396-253-5 (dt. Ausg.) ISBN 978-3-88396-254-2 (engl. Ausg.)
 
„1. Es gibt Kunst nur als Behauptung.“ (M.S.)

„Der Plan ist der erste Schritt für einen Aufbau, für eine Konstruktion, für eine Skulptur. Der Plan ist zweidimensional, ich muss ihn – durch meine Arbeit - in die dritte Dimension verwandeln. Alle meine Arbeiten sind Pläne oder Collagen – umgesetzt in die dritte Dimension, ich mache Collagen im Raum. Ich gehe nie vom Volumen aus, ich gehe immer von einem Plan aus - den ich in meinem Kopf habe. Der Plan, die Form ist zuerst in meinem Kopf. Mich interessiert, dass der Plan nicht linear umgesetzt werden kann und es interessiert mich, dass ich einen Plan interpretieren muss. Mein Plan ist nicht ‚Theorie’. Seine Interpretation muss eine echte, eine wahrhaftige, eine eigene Interpretation sein.

In der Kunst geht es darum, ein Anliegen, ein Problem, eine Mission zu haben und es geht darum in Not, mit Kopflosigkeit und in absoluter Dringlichkeit diesem Anliegen, diesem Problem oder dieser Mission eine Form zu geben.“
(T.H.)
315. Paul Schrader
Notizen zum Film Noir

Gefolgt von einem Gespräch mit Paul Schrader
ca. 100 Seiten ca. 8,- Euro ISBN 978-3-88396-249-8
Eingeleitet und herausgegeben von Gabriel Ramin Schor
 
Bevor Paul Schrader als Drehbuchautor von Martin Scorseses Taxi Driver (1976) Filmgeschichte machte und später sich selbst als Regisseur wichtiger Filme wie American Gigolo, Cat People und Mishima etablieren konnte, schrieb er Anfang der 1970er Jahre profunde Kritiken, die schon längst von kanonischem Rang sind. Neben seiner viel zitierten Studie Transcendental Style in Film: Ozu, Bresson, Dreyer sind besonders seine Notes on Film Noir (1971) zu nennen, in denen er vor dem Hintergrund des New Hollywood eine präzise Bestimmung dieser stilistischen Formation unternimmt, wobei er schon zu Beginn einräumt: „Der Film Noir ist kein Genre.“ Dieser Essay, der auf Deutsch erstmals in der legendären Zeitschrift Filmkritik erschien, wird nun als eigenständiges Buch vorgelegt, ergänzt um ein Porträt des Kritikers Schrader und um ein eigens mit ihm geführtes Gespräch, in dem seine heutige Sicht auf das Thema zur Geltung kommt.

Gabriel Ramin Schor lehrt Geschichte und Philosophie der Kunst an der Kunstuniversität in Linz. Demnächst erscheint seine Monographie über Jean-Pierre Melville im Merve Verlag.
311. Imaginäres Eigentum
Mit Beiträgen von Étienne Balibar, Lawrence Liang, Brion Gysin, Sebastian Lütgert, Gabriele Schwab, u.a.

ca. 176 Seiten ca. 15,- Euro ISBN 978-3-88396-245-0
Herausgegeben von Florian Schneider
 
Waren Anonymität und Sachlichkeit prägend für den bürgerlichen Eigentumsbegriff, geht es heute offenbar um das Gegenteil: Im Zeitalter immaterieller Produktion, digitaler Reproduzierbarkeit und vernetzter Vervielfältigung müssen Eigentumsverhältnisse sichtbar gemacht werden, um sich überhaupt durchsetzen zu lassen. Eigentum existiert vor allem in seiner Bildhaftigkeit und wird in rasanter Geschwindigkeit zu einer Frage der Einbildungskraft. Was aber bedeutet es, ein Bild zu besitzen?

Der Band „Imaginäres Eigentum“ bringt Texte unterschiedlicher Autoren zusammen, die versuchen, die Debatte um so genanntes „geistiges Eigentum“ einmal nicht unter den üblichen moralischen, juristischen oder idealisierenden Gesichtspunkten zu führen, sondern ein paar Mal um die eigene theoretische Achse zu drehen, damit sie vom Kopf auf die Füße gestellt werden könnte.
307. Cord Riechelmann
Wald

ca. 128 Seiten ca. 10,- Euro ISBN 978-3-88396-241-2
 
Wälder gelten immer noch als das Außen der Kultur. Und wenn die Römer nicht irgendwann mit dem Limes eine Lichtung in den Wald geschlagen hätten, fänden sich hierzulande nicht einmal denkende und dichtende Oberförster auf den Holzwegen im Wald zurecht. Von Ernst Jünger über Martin Heidegger bis zur RAF wird der Wald, symbolisch aufgeladen, zum bevorzugten Ort einer kryptisch individualistischen Partisanenlyrik mit echten Waffendepots und wirklichen Hinrichtungen. Das war der Wald - zumindest der deutsche - schon auf Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Chasseur im Walde“ von 1813.

Man wird allerdings bei allen Genannten das Gefühl nicht los, dass sie einem den Wald nicht zeigen wollen, sondern dass sie lieber allein darin bleiben, ganz im Sinne der Bedeutung des lateinischen Verbs forestare: fernhalten, den Zutritt verwehren, ausschließen. Es ist aber an der Zeit, in den Wald zu gehen, um selbst zu schauen, was im Wald los ist, auch auf die Gefahr hin des Holzfrevels verdächtigt zu werden. Es geht darum zu sehen, wie etwa im Foret de Compiegne das cartesische Denken Wald geworden ist, wie in den tasmanischen Kaltregenwäldern das Spiel von Licht, Wasser und Moos ein ganz eigenes Grün hervorbringt und wie mit der Wanderpalme (Socratea exorrhiza) der tropische Regenwald Costa Ricas das Laufen lernte. Es geht in Wald also um die Wirklichkeit der Wälder unterhalb ihrer Symbole und Metaphern.

Cord Riechelmann, Biologe, Journalist, lebt in Berlin.
299. Gilles Clément
Die dritte Landschaft

Übersetzt und mit einem Vorwort versehen von Anton Schutz. Mit zahlreichen Abbildungen des Autors.
ca. 144 Seiten ca. 13,80 Euro ISBN 978-3-88396-233-7
 
Was geschieht, wenn Zweckprogramme, an deren überzeitlicher Geltung noch gestern kein Zweifel bestehen konnte, heute mit der großen, für ökonomische Entscheidungen typischen Plötzlichkeit wieder verschwinden?

Der Übergang zu Fragen dieser Ordnung lässt eine ganze Reihe noch immer allseitig geehrter Konzeptionen im anachronistischen Licht einer Metaphysik der Jungfräulichkeit erscheinen. Der Begriff der Natur als geschichtsresistenter Antithese – was seinen Naturplatz einmal verloren hat, kann nicht mehr dahin zurückkehren – wird unanwendbar. Was die Philosophie unter dem Begriff der Technik gefasst hat, kommt in der Verfolgung seines Siegeszugs mit den Folgen der eigenen Genesis in ständige Berührung. Die Handlungs- und Widmungsprogramme der Politik und Ökonomie wechseln und oszillieren – im selben Maß gewinnt die Figur des Rests, des aufgegebenen oder preisgegebenen Materials oder Geländes die Macht des Alltäglichen. Dieser Rest übernimmt damit eine Position der regelgewordenen Ausnahme, die nicht mehr im strengen Sinn residual genannt werden kann. Eine nuova vita erscheint. Deren Kategorien will Gilles Clément entwerfen.

Gilles Clément, Ingenieur der Landschaftsgärtnerei, Botaniker, Entomologe, Schriftsteller und Lehrer an der École nationale du paysage de Versailles.
297. Dave Hickey
Der unsichtbare Drachen. Vier Essays über die Schönheit

Aus dem Amerikanischen von Tom Lamberty und Ronald Voullié.
ca. 184 Seiten ca. 17,- Euro ISBN 978-3-88396-231-3
 
„… wenn unsere Kunstkritik mehr sein möchte als eine bloße geisteswissenschaftliche Disziplin, dann muss die Wirkungsmacht der Bilder der Ausgangspunkt der Kritik sein und nicht ihre Konsequenz – das Subjekt der Kritik und nicht ihr Objekt. Und darum“, schlußfolgerte ich einigermaßen großartig, „möchte ich ihre Aufmerksamkeit auf die Sprache des visuellen Affekts richten – auf die Rhetorik des Wie-die-Dinge-aussehen – auf die Ikonographie des Begehrens – mit einem Wort, auf Schönheit.“ Dave Hickey

Dave Hickey gilt als einer der eigensinnigsten und einflußreichsten Kunstkritiker der USA, er publizierte unter anderem in Artforum, Interview und im Rolling Stone. Derzeit hat er eine Professur an der University of Nevada, Las Vegas inne. Die ersten vier Essays spannen einen Bogen über die Werke von Raphael und Caravaggio bis hin zu Andy Warhol und Robert Mapplethorpe. Der erstmals in deutscher Sprache erscheinende Band wurde vom Autor in Gänze durchgesehen, aktualisiert und um einen fünften Essay „American Beauty“ erweitert. Das Buch ist noch reichhaltiger geworden. Das Warten hat sich gelohnt. Oder, in Daves Worten: »It’s a good book, but it’s not that good.«